Warum sind einige Krisen vergessene Krisen?

  • Der freie Journalist Carsten Stormer berichtet seit vielen Jahren aus den Krisengebieten der Welt, darunter auch über viele vergessene humanitäre Krisen. Carsten Stormer lebt und arbeitet zurzeit in Manila.

    Foto: Picture Alliance

#Nichtvergesser: Warum berichten Journalisten über einige Krisen sehr viel, andere Krisen schaffen es seltener in die deutschen Medien?

Stormer: Alles war außerhalb von Deutschland und Europa passiert, hat es schon mal per se schwerer, weil es für Auslandsnachrichten in deutschen Medien sehr wenig Platz gibt. Zum Glück haben wir in Deutschland Medien wie den Spiegel und andere, die eine ausführliche Auslandsberichterstattung machen. Beispiele für Krisen, die es nicht in die Medien schaffen, gibt es aber sehr viele. Zum Beispiel ganz aktuell im Süden der Philippinen, wo der Islamische Staat (IS) versucht, ein neues Kalifat aufzubauen. Ich versuche seit Wochen Redaktionen für dieses Thema zu interessieren und bekomme meistens eine negative Rückmeldung. Das ist dann für mich als Journalisten schwer nachzuvollziehen. Davon gibt es viele Beispiele: wann liest man zum Beispiel mal etwas über Venezuela in deutschen Medien oder über die territorialen Machtansprüche Chinas im Pazifik? Es gibt einige geo-politische Verschiebungen in der Welt, die wir in Deutschland nicht verstehen, weil über ihre Hintergründe zu wenig berichtet wird und trotzdem können wir uns in Deutschland glücklich schätzen, dass wir so eine Medienvielfalt haben. Das sieht in anderen Ländern ganz anders aus. Trotzdem denke ich, dass man in einer globalisierten Welt noch viel ausgewogener berichten müsste und ich würde mir wünschen, dass sich deutsche Redaktionen mehr trauen würden, auch Geschichten zu bringen, die nicht jeder im Blatt hat: das würden auch die Zuschauer und Leser schätzen, davon bin ich überzeugt.

#Nichtvergesser: Konnten Sie schon einmal ein Thema nicht unterbringen?

Stormer: Das ist der Alltag von freien Journalisten: Man macht Themenvorschläge und nur Wenige werden angenommen. Ich hatte aber die Chance, auch über Krisen zu berichten, die nicht so gegenwärtig in den deutschen Medien sind oder waren: zum Beispiel 2012 über Syrien, als das in den Redaktionen noch als regionaler Konflikt gehandelt wurde. Einige Kollegen und ich haben davor gewarnt, dass immer mehr Menschen in Richtung Europa fliehen und dass die Radikalisierung immer mehr zunimmt. Das hat aber damals nicht so viele interessiert, bis auf einmal der IS quasi schon vor der Tür stand. Ein anderes Beispiel ist der Genozid an den Rohingyas, die zu Tausenden nach Bangladesch vertrieben werden. Diesen Konflikt gibt es ja schon viele Jahre und ich versuche schon sehr lange über die Situation zu berichten, habe aber kein Gehör gefunden. Durch das Ausmaß der Gewalt berichten nun auch Medien wie CNN und BBC darüber und dann ziehen auch deutsche Redaktionen nach.

Burma (das heutige Myanmar) ist ein weiteres Beispiel. Ich begleite das Land seit 12 Jahren. Es ist sehr schwer, dafür Interesse bei Redaktionen zu wecken. Ich war vor zwei Jahren in Kachin-State. Das ist eine hermetisch abgeriegelte Region im Osten des Landes. Um dorthin zu kommen, musste ich illegal über China einreisen. Es ist eine ähnliche Situation wie mit den Rohingyas: Dort leben hunderttausende Menschen in Flüchtlingslagern, Dörfer werden abgebrannt, Menschen vergewaltigt und als Zwangsarbeiter missbraucht. Das ist eine humanitäre Katastrophe, die mir sehr nahe gegangen ist. Die großen Auslandsmagazine wie Weltspiegel und Auslandsjournal schicken ihr Mitarbeiter oft gar nicht in solche Länder. Das Sicherheitsrisiko ist sehr groß, außerdem kosten solche Reportage wie über Kachin sehr viel Zeit und damit auch sehr viel Geld. Das wollen und können sich viele Redaktionen nicht mehr leisten.

#Nichtvergesser: In vielen Länder können Journalisten nicht frei und unabhängig berichten: Welche Auswirkungen hat das auf die Arbeit von Redakteuren hier in Deutschland?

Stormer: Obwohl ich nicht mehr in Deutschland lebe, merke ich, dass es schwieriger wird zu berichten. Zum Beispiel konnte ich eine Reportage für ARTE in Libyen nicht realisieren, weil es aktuell für mich nicht möglich ist, ein Visum für das Land zu bekommen. Libysche Machthaber haben aktuell kein Interesse daran, dass Journalisten darüber berichten, wie mit Geldern der Europäischen Union unter menschenunwürdigen Bedingungen Flüchtlinge an der Weiterreise nach Europa gehindert werden. Die letzte Machtverschiebung im mittleren Osten hat dazu geführt, dass es momentan nicht möglich ist, in den Irak einzureisen. Ich beobachte, dass es in den letzten Jahren für Journalisten schwieriger geworden ist, zu berichten. Dazu kommen noch die Gefahren vor Ort wie Entführungen oder auch das öffentliche Töten von Journalisten, wie es der IS betreibt. Ich habe ich den Eindruck, dass Journalisten nicht mehr als neutral wahrgenommen und in den Konflikt hereingezogen werden.

Herr Stormer, vielen Dank für das Interview.