Hintergründe zur vergessenen humanitären Krise in Kolumbien

Kolumbien
Kolumbien: Die Krise und das Vergessen

Der Erfolgsroman „Hundert Jahre Einsamkeit“ des kolumbianischen Autors Gabriel García Márquez wird vielfach als Spiegelbild der Geschichte Lateinamerikas verstanden. Er beginnt mit einem Mord, beschreibt die Systeme staatlicher Gewalt, die Schlachten des Bürgerkriegs, die Brutalität des Kolonialismus und endet mit der Zerstörung des Dorfes. Wie im Roman, so dominieren auch in der realen Geschichte Grausamkeiten, Gewalt und Krieg das Leben in Kolumbien. Die Hoffnung, dass der aktuelle Friedensprozess erfolgreicher verläuft als seine Vorgänger, gründet sich nicht zuletzt auf der Sehnsucht der Menschen nach einem Neuanfang.

Kriegerische Vorgeschichte

Mit der Ankunft der Spanier Mitte des 16. Jahrhunderts begann eine Epoche (1540-1810), die als „Conquista“ durch außergewöhnliche Brutalität gekennzeichnet war. Etwa 90 Prozent der indigenen Bevölkerung starben in diesem Zeitraum durch eingeschleppte Krankheiten und Kriege, durch Zwangsarbeit und Sklaverei.

Die Unabhängigkeitskriege gegen Spanien endeten 1819 erfolgreich mit der Gründung der Republik Großkolumbien. Doch es folgten weitere instabile und kriegerische Jahrzehnte. Erst nach dem „Krieg der Tausend Tage“, in dessen Folge sich Panama 1903 abspaltete, erlebte Kolumbien eine wirtschaftliche Blütezeit und erste soziale Reformen. Bereits 1946 mündeten die alten Konflikte in einen erneuten Bürgerkrieg – „La Violencia“ („die Gewalt“). Als der Präsidentschaftskandidat Jorge Eliécer Gaitán, der eine Landreform durchführen und die Armut der Landbevölkerung bekämpfen wollte, am 9. April 1948 ermordet wurde, kam es zu landesweiten Aufständen („Bogotazo“). Die konservative Regierung reagierte mit Gegengewalt und blutigen Massakern. Zwischen 1946 und 1953 fielen mehr als 200.000 Zivilisten den Kämpfen zum Opfer.

Gründung der FARC

Während dieser Phase gründete die Kommunistische Partei Kolumbiens gemeinsam mit Bauernorganisationen in einigen Teilen des Landes unabhängige Republiken. Nachdem die Streitkräfte Kolumbiens mit CIA-Unterstützung 1964 eine davon erobert hatten, gründeten überlebende Bewohner die Organisation Fuerzas Armadas Revolucionarias Colombianas (FARC). Seit dem 5. Mai 1966 ist die FARC offiziell der militärische Arm der Kommunistischen Partei Kolumbiens.

Das von Konservativen und Liberalen 1957 geschlossene Bündnis „Nationale Front“ legte einen Regierungswechsel der beiden Parteien nach jeweils vier Jahren fest. Dem Kampf, vor allem linker Gruppen, gegen diesen Pakt, begegneten regierungstreue Verbände mit weiterer Gewalt. Der Krieg eskalierte, als die FARC Bündnisse mit Drogenkartellen einging und rivalisierende Kartelle bekämpfte.

Hoffnung auf ein Ende der Gewalt keimte 1985 auf, als Mitglieder der FARC und der Kommunistischen Partei die neue Partei „Patriotische Union“ (Unión Patriótica) gründeten. Doch wurden in den folgenden Jahren mehrere tausend Parteimitglieder von paramilitärischen Gruppen ermordet oder entführt. Dies wiederum bestärkte die FARC, weiter auf den bewaffneten Kampf zu setzen.

Hoffnung auf Friedensgespräche

Präsident Álvaro Uribe (2002-2010) betrachtete die Mitglieder der FARC ausschließlich als „Verbrecher“ und machte Friedensverhandlungen unmöglich. Erst sein Nachfolger, Juan Manuel Santos, akzeptierte Gespräche mit der FARC. Im Oktober 2012 begannen die Friedensgespräche und seitdem im September 2015 erstmals Staatschef Santos und FARC-Vertreter Jiménez zu Friedensgesprächen in Havanna zusammenkamen, werden dem neuen Friedensprozess gute Erfolgsaussichten eingeräumt.

Den ausführlichen Artikel können Sie im Dossier „Basta ya! – Kolumbiens Krieg“ von Caritas international nachlesen.

Autor: Stephan Günther