Der längste Bürgerkrieg der Welt

  • Die zwölfjährige Lu Lu Awng musste ihre Heimat Kachin im Norden von Myanmar verlassen. Sie wünscht sich, möglichst schnell wieder mit ihren Eltern zusammen zu sein.

Alles begann damit, dass burmesische Soldaten auf Lu Lu Awng und ihre Familie schossen. Um 3 Uhr morgens war das, erinnert sich das zwölfjährige Mädchen. Sie sitzt auf ihrer rosafarbenen Bettdecke, die Hände im Schoß gefaltet. Auf der Schlafanzughose, die sie trägt, tummeln sich bunte Tiere. Vor ihrem Bett steht eine pinke Plastiktruhe, in der sie ihre Habseligkeiten verwahrt, auf einem Schemel neben dem Kopfende stapeln sich Schulhefte, die sie fein säuberlich dort platziert hat. Seit zwei Jahren lebt Lu Lu Awng nicht mehr in ihrer vom Konflikt geschüttelten Heimat Kachin, sondern umgeben von Reisfeldern und Papayapflanzen in einem Wohnheim der Kirche am ländlichen Rande von Myanmars größter Stadt Yangon.

Lu Lu Awng ist ein schüchternes Mädchen. Ihr Lieblingsfach in der Schule ist Englisch. Sie bastelt gerne. Das Haar trägt sie kurz so wie die anderen Mädchen im Wohnheim, was ihre Gesichtszüge noch bübischer erscheinen lässt. Momentan will sie mit ihren Kameraden wenigstens ein einziges Mal gebratenes Hähnchen bei Kentucky Fried Chicken in Downtown Yangon essen. Nur eine Sache wünscht sie sich noch mehr: endlich ihre Eltern wieder zu sehen.

Tausend Kilometer weiter nördlich im Teilstaat Kachin schöpft Lu Lu Awngs Mutter in einem Flüchtlingscamp bei Myitkyina unter einem behelfsmäßig hochgezogenen Bambusdach Bananenstücke aus einer großen schwarzen Pfanne mit brutzelndem Fett. Sie trägt einen Mundschutz, auf dem die Kachin-Flagge abgebildet ist, und wedelt sich mit ihrer Hand den Rauch der Kohlen aus dem Gesicht. Früher hat sie Schweine gezüchtet und Mais angebaut. Seitdem in ihrem Dorf Kämpfe zwischen dem burmesischen Militär und den Kachin-Rebellen ausgebrochen sind, muss sie in einem Flüchtlingscamp ausharren.

Sie ist eine von 120.000 Kachin, die in den vergangenen fünf Jahren vom Krieg vertrieben worden sind. Es vergeht kein Tag, an dem sie ihre Tochter nicht vermisst. Auch Lu Lu Awngs älterer Bruder lebt bei Verwandten weit weg von Myitkyina. „Unsere Familie musste auseinandergehen, zum Wohle meiner Kinder und für unser Volk “, erklärt die Mutter. Lu Lu Awng wurde weggeschickt, damit wenigstens eine aus der Familie ordentliche Bildung erhält und als Lehrerin, Ärztin oder Ingenieurin nach Kachin zurückkehrt.

In dem nördlichsten Teilstaat von Myanmar mischen sich zwischen tropische Palmen satt-dunkelgrüne Laubbäume. Die Häuser sind öfter aus Stein und die Luft ist klarer als im Rest des Landes. Vor den Ausläufern des Himalaya, die den Horizont säumen, ragen statt goldener Pagoden-Spitzen Kirchtürme in den Himmel. Die christlichen Kachin sind im mehrheitlich buddhistischen Myanmar eine Minderheit.

Ihr Glaube ist nicht der einzige Grund für den Drang nach mehr Eigenständigkeit. Als die Briten das ehemalige Burma 1948 in die Unabhängigkeit entließen, gerieten die bis dahin unabhängigen Kachin unter burmesische Herrschaft. Mit der Machtübernahme des Militärs wenige Jahre später wurde die Unterdrückung der verschiedenen ethnischen Minderheiten in Myanmar, die auf eine jahrhundertelange eigene Identität zurückblicken, zementiert. Das gesamte Land wird seitdem von einem Bürgerkrieg zermürbt, der zu den am längsten währenden Konflikten der Welt zählt.

„Ich hasse das burmesische Militär. Sie zwingen uns, sie zu hassen. Sie sperren unsere Leute in Häuser und brennen sie nieder, sie vergewaltigen unsere Frauen und stehlen unser Vieh“, sagt Kriegsveteran Naw Li. Bereits mit zwölf, so alt wie Schülerin Lu Lu Awng heute ist, bot er sich der Rebellen-Armee an, um sein Land zu verteidigen. Bis er tatsächlich durch den Kachin-Dschungel robbte, sich dort von Wurzeln ernährte und burmesische Soldaten erschoss, war er 25. Der Oberstleutnant sitzt regungslos und mit starrem Blick wie ein müder Krieger im holzvertäfelten Besucherraum der Kachin Independence Organisation (KIO) in Myitkyina. Die Organisation ist eine Art selbsternannte Kachin-Regierung, die der Rebellen-Armee vorsteht. Über ihm hängen an der dunklen Holzwand in chronologischer Reihenfolge golden gerahmte Fotografien von Friedensgesprächen zwischen Militär, Regierung und KIO. Das letzte stammt von 2013. Danach hat sich niemand mehr die Mühe gemacht irgendetwas zu dokumentieren. „Ist ja sowieso alles nur Show“, sagt Naw Li und lacht bitter.

Der Bürgerkrieg in Kachin tobt seit 1961. Die Fronten sind verhärtet, die KIO wurde nach Friedensverhandlungen schon zu oft vom burmesischen Militär vorgeführt. Zuletzt 2011, als Myanmars Militärregime die Demokratisierung einleitete und die Armee den siebzehnjährigen Waffenstillstand brach.

Als damals die burmesischen Truppen sich dem Dorf von Lu Lu Awng und ihrer Familie näherten, packte der Vater seine beiden jüngsten Kinder auf den Karren von Fremden, um sie möglichst schnell aus der Gefahrenzone zu transportieren. Wenn sie von jener Nacht spricht, ist Lu Lu Awng nicht mehr das verschämt-lächelnde, wortkarge Mädchen. Ihre Gesichtszüge werden ernst und sie erzählt ausführlich, von ihrer Ankunft in der großen Stadt Myitkyina und davon, dass sie nicht wusste, ob oder wann sie ihre Eltern wiederfinden würde.

Die Familie landete in einem der rund 150 Flüchtlingscamps in Kachin. Das Lager erinnert an die Vergrößerung eines Hühnerstalls, über dessen Legebatterien auf laminierten Schildchen Nummern prangen. Die Luft steht, die langen Gänge sind dunkel, Kleidung und Zahnbürsten hängen aus Platzmangel an den Außenseiten der Bretterkabinen, die nur durch dünne Bambuswände voneinander getrennt sind. Schilder internationaler Hilfsorganisationen erinnern an Hygiene und die Rechte von Kindern. Missbrauch, Alkohol und Drogen sind keine Seltenheit. Die Enge der Camps ist ein idealer Nährboden für Konflikte zwischen den Bewohnern.

Lu Lu Awngs Familie hat Glück: Sie lebt in einem Camp am Rande von Myitkyina, wo der Vater arbeiten gehen kann. Anders sieht das für die Kriegsflüchtlinge in den von der Außenwelt abgeschnittenen Lagern an der Grenze zu China aus. Dort sind die Vertriebenen vollständig abhängig von Hilfsorganisationen.

In Kachins Hauptstadt hängen in Schaufenstern modische T-Shirts mit Aufschriften wie „Beendet den Krieg in Kachin“ oder „Helft den Vertriebenen“. Während Touristen, die sich hierher verirren, erst einmal erklärt werden muss, dass es sich um ein Kriegsgebiet handelt, in dem sie sich nicht ohne Weiteres fortbewegen können, ist der Konflikt für die Kachin Teil des Alltags geworden. Familien in Myitkyina und die Christen-Gemeinde in Yangon nehmen Kriegsflüchtlinge auf und junge Studenten geben in den Lagern ehrenamtlichen Unterricht.

Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi hat zwar Frieden als oberstes Ziel ihrer Regierung ausgegeben. Anders als im Rest Myanmars gilt die Frau, die lange Jahre der Demokratiebewegung in Myanmar vorstand und deshalb verehrt wird wie ein Rockstar, in Kachin allerdings nicht als Heldin. Man misstraut der neuen zivilen Zentralregierung.

Auch wenn es eines Tages Frieden in Kachin gäbe, dann würde er die Menschen noch lange nicht von der Bürde des jahrzehntelangen Konfliktes befreien. „Was soll dann aus uns werden?“ fragt Lu Lu Awngs Mutter. „Die Soldaten haben unsere Dörfer in ein Schlachtfeld verwandelt.“ Vertriebene, die kürzlich den Aufbruch zurück in ihr Dorf gewagt haben, kehrten schwer verletzt zurück. Vor ihrem Haus war eine Landmine explodiert. Es gibt nur eines, was die Mutter sich deshalb wirklich aufrichtig wünschen kann: endlich ihre Kinder wiederzusehen.

Autorin: Verena Hölzl, freie Journalistin. Der Text ist unabhängig von Plan International entstanden.

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