Hintergründe zur vergessenen humanitären Krise in Myanmar

Myanmar
Myanmar: Die Krise und das Vergessen

Nach jahrzehntelangem Kampf um Demokratie besitzt das ehemalige Burma seit April die erste zumindest teilweise zivile Regierung nach fast einem halben Jahrhundert Militärdiktatur. Ab dem Putsch von 1962 ist das ressourcenreiche und einst fortschrittliche Land von den Militärs zu einem der ärmsten Staaten der Erde heruntergewirtschaftet worden. Eine brutale Junta unterdrückte die Menschen,  und zerstörte Wirtschaft, Bildungs- und Gesundheitssystem.

Seit es 1988 zu einem landesweiten Aufstand gegen das Militär kam, führt Aung San Suu Kyi, der für ihr Engagement später der Friedensnobelpreis verliehen wurde, Myanmars Demokratiebewegung an. Höhepunkt waren die ersten freien Wahlen im November 2015, bei der die Nationale Liga für Demokratie (NLD) über 80 Prozent der zu vergebenden Sitze errang. 

Trotz dieses überwältigenden Wahlsieges ist die Handlungsfähigkeit der Regierung eingeschränkt: Die Verfassung kann ohne Zustimmung der Generäle nicht geändert werden und sichert dem Militär sechs von elf Sitzen im Nationalen Sicherheitsrat, drei zentrale Ministerien (Grenzschutz, Verteidigung und Inneres) sowie den Posten des Vize-Präsidenten zu. Darüber hinaus ist ein Viertel der Sitze im Parlament für das Militär reserviert.

Der NLD sind aus diesem Grund auch bei der Lösung des seit Jahrzehnten andauernden Bürgerkrieges im Vielvölkerstaat Myanmar die Hände gebunden. Sie hat keine Handhabe über die Armee, die seit dem Ende der britischen Kolonialherrschaft die ethnischen Minderheiten unterdrückt, die mehr Recht auf Eigenständigkeit fordern.

Nach wie vor kämpfen in Teilen des Landes Truppen des Militärs gegen die Armeen der ethnischen Minderheitengruppen. Ein landesweites Waffenstillstandsabkommen der Vorgängerregierung, das im September 2015 unterzeichnet wurde, brachte den Menschen in Myanmar keinen Frieden.

Der Konflikt in dem teilweise christlich geprägtenTeilstaat, der im Norden Myanmars liegt und  an China und Indien grenzt, dauert seit 1961 an. Das Militär brach 2011 das Waffenstillstandsabkommen, das sie 1994 mit den Rebellen von der Kachin Independence Army (KIA) geschlossen hatten. Seither tobt der Konflikt besonders heftig.

120.000 Menschen wurden bislang von den Gefechten in Kachin aus ihren Dörfern vertrieben und leben nun ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft in Flüchtlingscamps, in denen es oftmals keinen Zugang zu Arbeit oder Bildung gibt. Die Menschen können sich dort anders als zuvor auch nicht mehr selbst ernähren.

Sogar während in der Hauptstadt Naypyitaw für Ende August eine große Friedenskonferenz vorbereitet wird, deren Ziel ein Waffenstillstand und die Ausarbeitung eines föderalen Systems für Myanmar ist, holte die burmesische Armee in Kachin jüngst zu neuen Offensiven aus.

Der Konflikt ist tief in der Gesellschaft verwurzelt. Selbst wenn es eines Tages Frieden gibt, wird echte Versöhnung zwischen der Minderheit und der Zentralregierung eine schwierige Herausforderung.

Angesichts der Flüchtlingskrise in Europa befürchten lokale Hilfsorganisationen, bald von internationalen Geldgebern im Stich gelassen zu werden. Der Krieg ist trauriger Alltag geworden. Ohne Aufmerksamkeit durch die Sozialen Netzwerke wäre der Konflikt ganz vergessen, glauben viele Kachin.

Autorin: Verena Hölz, freie Journalistin. Der Text ist unabhängig von Plan International entstanden.