Hintergründe zur vergessenen humanitären Krise in Somalia

Somalia
Somalia: Die Krise und das Vergessen

1960 wurden das ehemalige britische Protektorat Somaliland und die italienische Kolonie Somalia unabhängig. In einer demokratischen Wahl wurde eine Regierung gewählt, die allerdings bald durch Korruption und Nepotismus gezeichnet war. Das Militär putschte sich daraufhin unter General Siad Barre an die Macht, erfuhr aber nur wenige Jahre populäre Unterstützung. Die Regierungszeit Barres war beherrscht von kriegerischen Auseinandersetzungen, die auch durch den kalten Krieg der Großmächte geprägt war. 1991 stürzten Rebellen Siad Barre. Dieses Machtvakuum versuchten unterschiedliche politische und ethnische Gruppierungen zu füllen und Kontrolle über ganz Somalia zu erlangen. Im selben Jahr erklärte sich der Norden des Landes als Republik Somaliland für unabhängig.

Während der Norden, zwar international nicht anerkannt, politisch aber weitgehend stabil ist, kommt der Rest des Landes nur langsam zur Ruhe. Auch die neue Regierung unter Präsident Hassan Sheikh Mahamoud war bislang nicht imstande, größere Stabilität und politische Fortschritte zu erzielen. Nach wie vor verfügt Somalia über schwache staatliche Institutionen und ist von internationalen Hilfsleistungen abhängig. Es herrscht weiterhin Gewalt, Korruption und Armut. Obwohl eine gewisse Stabilisierung eingetreten ist, bleibt der Alltag vieler Menschen von bewaffneten Auseinandersetzungen und bitterer Armut geprägt.

In Somalia leben die meisten Menschen von der Viehzucht oder der Landwirtschaft. Nach geringen oder ausbleibenden Regenfällen und niedrigen Flussständen ist die Ernährungssituation für die meisten Somalier extrem schlecht. Die Ernten sind fast komplett ausgefallen, es gibt keine Beschäftigungsmöglichkeiten. Land, Weidegrund und Wasser sind knapp – die Tiere sterben. Zudem steigen die Preise für Grundnahrungsmittel stark und das Vieh verliert an Wert, wodurch sich arme Familien meist nicht mehr ernähren können. Von 12,3 Millionen Einwohnern leiden momentan 3 Millionen Hunger und weitere 3.3 Millionen Menschen sind vom Hunger bedroht, wenn nicht umgehend Hilfe geleistet wird.

Millionen von Menschen sind auf der Flucht. Viele von ihnen nehmen den gefährlichen Weg auf sich, um in das sichere Europa zu gelangen. Somalia gehört zu den ärmsten Ländern der Welt.

  • Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 55 Jahren
  • 91 von 1000 Säuglingen sterben bei der Geburt
  • 85 Prozent aller Somalier leben in Armut
  • 30 Prozent aller Kinder in Somalia sind unterernährt
  • 37 Prozent aller Somalier können weder lesen noch schreiben


Leidtragende sind insbesondere Frauen und Kinder. Die Geburtenrate ist sehr hoch. Durchschnittlich bringt eine somalische Frau 6 bis 7 Kinder im Laufe ihres Lebens zur Welt. Die medizinische Versorgung für die Frauen ist schlecht. Nur knapp ein Viertel aller Somalierinnen hat Zugang zu Geburtsvorsorge und medizinischer Betreuung. Die noch gängige Praxis der Genitalverstümmelung kann zu lebensgefährlichen Komplikationen bei der Geburt führen. Durchschnittlich stirbt eine von 18 Frauen bei der Geburt.

Wie die Mütter sind auch die Säuglinge und Kleinkinder gefährdet. Die Sterblichkeitsrate bei unter fünfjährigen Mädchen und Jungen ist hoch. Und durchschnittlich stirbt jedes zehnte Kind in Somalia, bevor es seinen ersten Geburtstag erlebt hat.

Durch die Jahrzehnte andauernden Bürgerkriege liegt nicht nur die Gesundheitsversorgung, sondern auch das Bildungssystem so gut wie danieder. Nur 37 Prozent aller Somalier können lesen und schreiben. Insbesondere die Jugendlichen haben keine Perspektiven, weshalb man in diesem Kontext von einer „verlorenen Generation“ spricht. Diese Aussichtslosigkeit lässt sie auch besonders anfällig für militante Gruppierungen werden.