Was zählt ist Frieden

Fatimé Malicky (49) ist eine von über 95.000 Menschen, die aus der Zentralafrikanischen Republik in den nördlich angrenzenden Tschad geflohen sind. In der Hauptstadt Bangui besaß sie ihr eigenes Geschäft, nachts fuhr sie Taxi, um noch ein wenig mehr Geld zu verdienen. Dort hat sie zwei Häuser gebaut, Freunde gefunden, drei Töchter aufgezogen und vor neun Jahren ihren Ehemann begraben.

“Es fing um 3 Uhr morgens an. Wir hörten schwere Artillerie und Schießereien. In unserer Nachbarschaft wurden 55 Menschen mit Macheten umgebracht, schwangere Frauen wurden aufgeschlitzt und ihre ungeborenen Kinder in Stücke zerhackt. Um uns herum gab es nichts als den Tod. Du nimmst deine Kinder und rennst. Es gab keine Zeit, irgendetwas einzupacken.“ In der Eile schnappte sich Fatimé lediglich ihre Handtasche. Ein paar Monate zuvor hatte sie ihre Fotoalben durchgeschaut und die für sie wertvollsten Bilder herausgenommen. Diese verstaute sie in ihrer Handtasche und trug sie so immer bei sich. Jetzt sind sie das einzige, was ihr aus ihrem alten Leben geblieben ist. Jetzt lebt sie gemeinsam mit einer ihrer Töchter und drei Enkelkindern im Flüchtlingscamp Dosseye im Süden Tschads. Ihre anderen beiden Töchter flohen nach Kamerun; die Familie ist bis heute getrennt.

Fatimé ist Teil einer Frauen-Kooperation, die von CARE unterstützt wird. Die Gruppe hat vier Nähmaschinen erhalten, die jetzt auf einem kleinen Tisch in einem luftigen Raum stehen. „Es sind 60 Frauen in unserer Gruppe aber nur zwei wissen, wie man mit einer Nähmaschine arbeitet“, erklärt Fatimé. „Wir machen das Beste aus dem, was wir haben, aber es ist und bleibt wenig.“ Als eine solch selbständige und unternehmerische Frau muss es für Fatimé eine unglaubliche Herausforderung sein, ihr Leben wieder neu aufzubauen, von Null anzufangen und von Hilfe abhängig zu sein. Als alleinstehende Frau, die sich um Kinder kümmern muss, hat sie Anspruch auf CAREs Bargeld-Programm. Monatlich erhält sie ungefähr 3 Euro sowie zusätzliches Geld, um ihre Enkelkinder in die Schule und zu regelmäßigen Gesundheitschecks zu schicken.

„Ich bin sehr stolz auf unsere Erfolge hier. CARE hat uns unglaublich mit den Nähmaschinen geholfen, aber in der Zukunft wollen wir noch mehr erreichen. Wir können kochen und das Essen verkaufen, wir können Seife produzieren und Kuchen oder ähnliches backen – es gibt so vieles mehr, was wir hier tun können.“ Trotz ihrer Not ist es für die Familie keine Option nach Hause zu gehen. „Du musst im Leben auf alles vorbereitet sein. Ich erlaube es mir nicht darüber nachzudenken, was passiert ist. Wenn ich das tun würde, würde ich krank werden. Ich möchte alles vergessen. Wir haben hier Frieden. Das ist alles, was zählt. Wir können in Frieden schlafen, in Frieden aufwachen, wir hören keine Schüsse. Wenn es nur mehr Arbeit gäbe…“

  • Ein paar Monate vor der Flucht hatte Fatimé Malicky die wertvollsten Bilder aus ihrem Album herausgenommen. Diese verstaute sie in ihrer Handtasche und trug sie so immer bei sich. Jetzt sind sie das einzige, was ihr aus ihrem alten Leben geblieben ist.

    Foto: Care